I. Die Bedeutung von Bewegung für Kinder und Jugendliche

 

1. Die Bedeutung von Bewegung für die Kindesentwicklung

Für die ganzheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sind vielfältige Bewegungserfahrungen eine unverzichtbare Voraussetzung.

Bewegung ermöglicht Kindern, zu einem Selbstbild, Selbstkonzept und zu einer Selbstidentität zu gelangen (personale Funktion der Bewegung). Darunter versteht man „die gefühlsmäßig wertende Einstellung zu sich selbst. Sie bestimmt den Grad der Selbstakzeptanz, der Selbsteinschätzung, des Respekts und der Achtung, die man vor sich selbst hat.”[1]. Kinder machen über Bewegung Erfahrungen mit ihrem Körper in der Umwelt. Dabei bekommen sie ein Bild von ihren eigenen Fähigkeiten. Zunehmende Kompetenzen des „Selbermachens” lassen das Kind immer unabhängiger werden. Das Bild, das ein Kind von sich selbst hat, ist ein Ergebnis aus den Erfahrungen, die vom Kind in der Vergangenheit mit seinen Fähigkeiten gemacht wurden.

Hinsichtlich der sozialen Entwicklung hilft Bewegung, Erfahrungen im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen zu machen (soziale Funktion der Bewegung). Durch Bewegung wird mit unterschiedlichen Menschen interagiert, was entsprechende soziale Lernprozesse mit sich bringt. Besonders der Kontakt zu unterschiedlichen Altersgruppen bietet ein reiches Lern- und Erfahrungsfeld. Es werden Verhaltensweisen wie Nachgeben und Behaupten, Streiten und Versöhnen, Aushandeln und Bestimmen erworben.

Neben diesen Funktionen fördert das Bewegen auch die explorative Funktion, d.h. durch Bewegung erkunden Kinder ihre Umwelt und gestalten diese neu (produktive Funktion). Weiterhin können sich Kinder durch Bewegung verständigen (kommunikative Funktion), sich mit anderen vergleichen und messen (komparative Funktion), sich ausdrücken (expressive Funktion) und sich anstrengen (adaptive Funktion)[2].

 

2.   Die Bedeutung von Bewegung für die Gesundheit und das Lernen

Im Sinne der World-Health-Organisation (WHO) ist Gesundheit ein Zustand des umfassenden körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht lediglich das Freisein von Krankheit und Schwäche[3]. Diese Definition zeigt deutlich, dass Gesundheit sich nicht nur auf Körper oder Geist bezieht, sondern für den Menschen in seiner Ganzheit wichtig ist. Will die Schule körperliches, physisches und soziales Wohlbefinden erfahren und erleben lassen, dann müsste sie dies in ihrer Kultur abbilden: in ihren Methoden, in ihrer Architektur und Ausstattung und in ihren Regelsystemen. Eine „Bewegte Schule“ – welche eine „Aktive Pause“ enthält - als „Gesunde Schule“ fragt nach dem Entstehen von Gesundheit, sie sucht nach Schutzfaktoren, die den Menschen gesund bleiben lassen. Diese Denkweise wird als Salutogenese bezeichnet, welche nach dem Entstehen der Gesundheit fragt[4]. Im Rahmen der Salutogenese kommt der Bewegung eine große Bedeutung zu.

s   Bewegung verbessert die Hirndurchblutung. Belastungen von 25 Watt, z.B. ein Spaziergang, erhöhen die Durchblutung um 15%. Mehr Blut bedeutet auch mehr Sauerstoff und einen entsprechenden Energiestoffwechsel im Gehirn. Belastungen unter 25 Watt bringen eine Verbesserung des Kurzzeitspeichers und eine verbesserte Lernfähigkeit mit sich[5].

s   Komplexe Bewegungen aktivieren große Hirnbezirke, weil sämtliche Sinnessysteme angesprochen werden. Außerdem werden die Reaktionsfähigkeit, die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung, das Lernen, die Gedächtnisbildung, das Erinnerungsvermögen, die Planung und Abschätzung von Handlungen und die Assoziationen umfassend aktiviert.

s   Bewegung ist ein Aktivationsoptimierer. Über Bewegung kann man sich selbst aktivieren oder deaktivieren, je nachdem, ob eine Hebung oder Senkung des Erregungsgrades angestrebt wird. Der Bereich der mittleren Aktivation ist der Bereich, der eine optimale Entfaltung der geistigen Leistungsfähigkeit gewährleistet.

s   In diesem Zusammenhang dient Bewegung auch als Stressabbauer. Stresshormone sind Gegenspieler der Hormone, die wichtig für die geistigen Leistungen sind. Durch Bewegung werden Stresshormone schneller abgebaut, sie dienten früher dem Zweck, eine schnelle Flucht einzuleiten. Bewegung beugt übermäßigen Stressreaktionen durch einen körperlich gut trainierten Körper vor[6].

s   Bewegung dient dem allgemeinen Wohlbefinden. Durch Bewegung werden Widerstände überwunden, die eigene Geschicklichkeit und das Können erlebt. Körperliches Training hat stimmungshebende Effekte. Geistig-seelisches Wohlbefinden hängt mit einer guten körperlichen Fitness zusammen. Die nächtliche Regeneration wird durch körperliche Tätigkeit gefördert.

s   Bewegung hat einen positiven Effekt auf Kreislauf, Immunsystem und Halteapparat[7]. Sie beugt durch eine verbesserte Durchblutung verschiedenen Herz-Kreislaufbeschwerden vor. Durch Bewegung werden zur Abschwächung neigende Muskelpartien gekräftigt und zur Verkürzung tendierende Muskelgruppen gedehnt.

 

3. Zusammenfassung

Zusammenfassend ist festzustellen, dass Bewegung und Bewegungserfahrungen wesentliche Voraussetzungen für die ganzheitliche Entwicklung des Kindes sind. Bewegung fördert sowohl die Selbsterfahrung, als auch das Erlernen sozialer Verhaltensweisen des Kindes. Bewegung wirkt sich positiv auf die Wissensaneignung aus, und beugt Belastungen und Schädigungen des Bewegungsapparates vor.



[1] vgl. Kiphard 1994, S.94

[2] vgl. Klupsch-Sahlmann In: sportpädagogik, 1995: S. 16

[3] Hildebrandt-Stramann, 1999: S.23

[4] vgl. Hildebrandt-Stramann, 1999: S.24

[5] vgl. Illi/ Zahner, In: Pühse/ Illi, 1999: S. 28

[6] vgl. Illi/ Zahner, In: Pühse/ Illi, 1999: S. 34

[7] vgl. Illi/ Zahner, In: Pühse/ Illi, 1999: S. 23