II. Die Aktive Pause

 

1. Die veränderte Kindheit und ihre Folgen

Die Kindheit hat sich vor allem im 20. Jahrhundert erheblich verändert. Ursache für diese Veränderung ist primär der Wandel der Lebenswelt der Kinder. Besonders in städtischen Gebieten verfügen Kinder und Jugendliche nur über begrenzte oder kaum noch vorhandene Bewegungs- und Entfaltungsräume. Gründe dafür liegen in der zunehmenden Urbanisierung, dem steigenden Verkehr und in den beengten Wohnverhältnissen. Folglich tritt anstelle der Straßensozialisation die Verhäuslichung und die verinselte Institutionalisierung des Bewegungslebens der Kinder und Jugendlichen[1]. Das bedeutet, dass sich das Leben der Kinder vermehrt von der Straße in die Wohnung verlagert hat. Das Fernsehgerät und der Computer haben einen sehr wichtigen Stellenwert bekommen. Die einschneidensten Veränderungen in der Erfahrungswelt der Kinder und Jugendlichen haben sich in den letzten Jahren ohne Zweifel durch die mediatisierte und elektronisierte Aneignung der Welt vollzogen. „Erfahrungen aus zweiter Hand sind mittlerweile bedeutender als leibnahe Primärerfahrungen durch den körperlich-sinnlichen Umgang mit den Dingen der Welt geworden[2]. Ein Beispiel hierfür ist, wenn Fußball nicht mehr nur real, sondern immer häufiger in virtuellen Welten gespielt wird.

Führt man sich diese veränderte Kindheit vor Augen, so wird deutlich, dass diese der großen Bedeutung der Bewegung für die Kindesentwicklung nicht gerecht wird. Folgeprobleme dieser veränderten Kindheit sind vor allem im kognitiven und sozialen Bereich zu verzeichnen.

 

Abb.1: Erscheinungsformen in der Schule (Weinmann u.a., 1998: S. 3)

 

Kinder zeigen in der Schule vermehrt Verhaltensweisen, die mit Begriffen wie Lese-Rechtschreibschwäche, Dyskalkulie, Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsstörungen, Koordinationsschwäche, geringe Frustrationstoleranz, Impulsivität und Ungeduld, Ich-Bezogenheit, Ich-Schwächen, Nervosität, Wahrnehmungs- und Bewegungs-auffälligkeiten, unangepasstes Sozialverhalten beschrieben werden[3].

Ferner sind nach Illi Folgen einer veränderten Kindheit unter anderem gesundheitliche Probleme[4]:

s 60% psychosomatische Störungen (Kopfweh, Bauchweh, Schlafstörungen)

s 56% Schwächen und Schäden am Knochen-, Band- und Muskelapparat

s 49% Organleistungsschwächen, vor allem des Atmungs- und Herz-Kreislaufsystems

s 40% Konzentrationsschwächen

s 35% koordinative Schwächen

s 20% Übergewicht

 

2. „Aktive Pause“ – Was ist das?

Die „Aktive Pause“ ist ein Baustein der Bewegten Schule. Das Konzept der Bewegten Schule ist ein Versuch, der veränderten Kindheit zu begegnen. Dabei ist die Grundidee der Bewegten Schule, mehr Bewegung in die Schule zu bringen, die Schule als Bewegungsraum in den Blick zu nehmen und das gesamte Schulleben bewegter zu gestalten[5]. Bewegung soll als grundlegendes Schul- und Unterrichtsprinzip in allen Fächern realisiert werden. Durch die Bewegte Schule sollen Kinder vielfältige Erfahrungen auf motorischer, sozialer, emotionaler aber auch auf kognitiver Ebene machen: Lernen mit allen Sinnen über das Medium der Bewegung. Lernen soll sich also handelnd vollziehen. Somit steht die Bewegte Schule einer „verkopften“ Schule gegenüber. Erkenntnisse über die grundlegende erzieherische Bedeutung von Bewegung, Überlegungen zur veränderten Kindheit und die Schule, die mit den Auswirkungen überfordert ist, ließen das Konzept entstehen.

Pause ist mehr als die bloße Zeit zwischen zwei Unterrichtsstunden, mehr als eine Unterbrechung des Lernens. Die „Aktive Pause“ ermöglicht Bewegung und Spiel für alle Schüler der Schule. Sie bietet einen Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung – zwischen Lernen und aktiver Erholung und ermöglicht so den Schülern ein ausreichendes Maß an Bewegung während des Schultages. Sie bietet Freiraum zum selbstbestimmten Spielen und Gelegenheit zum sozialen Handeln. Beschäftigungen in Form von Kleinen Spielen, denen einfache, variable Spielregeln zugrunde liegen, um sie den Bedürfnissen der Kinder, der Anzahl der Mitwirkenden, den Raum- und Platzverhältnissen leicht anpassen zu können, sind besonders empfehlenswert. Wichtig dabei ist, dass der Wettkampfcharakter nicht im Vordergrund steht und so leistungsschwächere Kinder leicht zu integrieren sind. Nach Möglichkeit sollten den Kindern auch diverse Materialien für Einzel- oder Gruppenspiele angeboten werden. Besonders eignen sich hier kleine Spielgeräte wie Bälle, Pedalos, Jonglierbälle, Hüpfgummis, Diabolo u.v.a.m. Zusätzlich fördern fest angebrachte Spielgeräte wie beispielsweise Klettergerüste, Hüpffelder, Basketballkörbe, Kletterwand die Bewegungslust der Kinder und sind daher ein wichtiger Bestandteil der bewegten Pause. Darüber hinaus verstärkt sich auch der Trend die (in der Vergangenheit) üblichen Asphalt- und Betonplätze differenziert zu gestalten. Jede Anlage müsste nach heutiger Erkenntnis Möglichkeiten bieten für stille, aber auch laute und in der Regel bewegte Spiele. Es sollte darauf Wert gelegt werden, bei der Gestaltung von Pausenhöfen sowohl Rückzugsmöglichkeit zum Entspannen, Sitzplätze zum Essen, Liegewiesen zum Lesen, Bewegungsplätze zum Spielen als auch Unterhaltungszonen zum Reden einzurichten. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, den Schülern bewusst zu machen, dass sie innerhalb der bewegten Pause nicht nur Verantwortung für sich selbst, sondern auch für die Materialien, Pflanzen, Spielgeräte, aber vor allem für ihre Mitschüler haben. Nur so können Unfälle, Zerstörungen, Aggressionen und Streitereien auf Dauer vermieden oder zumindest reduziert werden.

 

3. Ziele

Im wesentlichen sollen mit dem Pausensportangebot die folgenden Zielbereiche angesprochen werden: motorische, emotionale, sozial-kommunikative und erzieherische Ziele.

s Motorische Ziele:

Die Kinder werden geschickter. Sie können ihre Körperenergie besser einsetzen. Sie schulen im Pausensport spielerisch ihre koordinativen Fähigkeiten. Außerdem wird damit dem Bewegungsmangel entgegengewirkt.


s Emotionale Ziele:

Das gemeinsame Spielen macht den Kindern Spaß und sie fühlen sich dabei in der großen Pause wohl. Die Spielpause ist ein wesentlicher Bestandteil des Lebensraums Schule.

s Sozial-kommunikative Ziele:

Die Kinder spielen mit Partner in Gruppen zu je drei oder vier Schülern. Sie müssen sich gegenseitig absprechen, miteinander beraten und gemeinsam etwas verändern, wenn das Spielen nicht funktioniert. Beim gemeinsamen Spielen können sich die Kinder in konkreten Situationen sozial bewähren; es ergeben sich Möglichkeiten, soziale Verhaltensweisen wie z.B. Rücksichtsnahme, Kooperation, Fair Play und das Einhalten von Spielregeln einzuüben.

s Erzieherische Ziele:

Die Spielgeräte müssen verwaltet werden; die Kinder müssen sich für die Spielgeräte verantwortlich fühlen, indem sie sachgemäß mit ihnen umgehen. Sie räumen die Spielgeräte auf. Spielregeln müssen eingehalten werden. Soziales Lernen wird konkret ermöglicht.

So verstanden ist Pausensport nicht nur organisierte Erholung, sondern vielmehr auch ein komplexes soziales Geschehen über den Klassenrahmen hinaus. Pausensport beinhaltet soziale Koedukation und Integration. Pausensport ermöglicht soziale Kontakte mit Gruppenbildung, Erfahrungsaustausch zwischen Jungen und Mädchen aus unterschiedlichen Schichten und Nationalitäten sowie zwischen jüngeren und älteren Kindern. Durch Übernahme von Aufgaben und Rollen kommt es zu einem kooperativen Verhalten.



[1] vgl. Laging, 2000: S. 10

[2] vgl. Laging, 2000: S.11

[3] vgl. Weinmann u.a., 1998: S. 3

[4] vgl. Illi/ Zahner, In: Pühse/ Illi 1999: S. 46

[5] vgl. Balz/Klupsch-Sahlmann, In: sportpädagogik. Sammelband Bewegte Schule, 2000: S.1